Berufseinstieg: Gut vorbereitet mit Stimme & Rhetorik
- vor 2 Tagen
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„Von Anfang an den Weg ebenen”
Hier ist die Zusammenfassung meines Gespräches mit der Sonderpädagogin India Harmeling. Es loht sich, sich das ganze Gespräch anzuschauen bei YouTube!
Ulrike: India, schön, dass wir heute sprechen! Du bist ja nach deinem Studium in Lüneburg nach München gezogen und dort als Sonderpädagogin tätig. Erzähle doch erst einmal: Was genau machst du in deinem Berufsalltag und welche Rolle spielen das Sprechen und deine Stimme dabei?
India: Ja, sehr gerne! Ich arbeite als Sonderpädagogin an einer Schule und begleite Kinder mit ganz unterschiedlichen Förderbedarfen. Mein Arbeitsalltag ist unheimlich vielfältig – und die Stimme ist dabei im Grunde mein Haupt-Arbeitswerkzeug. Ich bin den ganzen Tag in Interaktion: im Unterricht vor der Klasse, in Kleingruppen, im Sitzkreis, aber natürlich auch im Austausch mit dem Kollegium oder in Elterngesprächen. Das Sprechen verbindet all diese Situationen. Und vor allem muss ich meine Sprache ständig anpassen, weil die Kinder auf ganz unterschiedlichen Verstehens- und Alters-Levels sind.
Ulrike: Das Besondere bei unserer Zusammenarbeit war ja, dass du zu mir kamst, bevor du im Begriff warst, aus dem Studium in den Berufsalltag zu starten – also wirklich direkt an dieser Schwelle. Wie kam es dazu, dass du dir schon so früh Unterstützung gesucht hast?
India: Für mich war das ein ganz bewusster Schritt der Prävention. Ich wollte von Anfang an den Weg ebnen und vorausschauend handlungsfähig sein – anstatt zu warten, bis die Stimme Heiserkeitsanzeichen zeigt oder der Kehlkopf dichtmacht. Im Studium lernt man wahnsinnig viel Theorie, aber der Stimm- und Sprechapparat ist nun mal Muskelarbeit. Ich wollte mich so vorbereiten, dass ich mich vom ersten Schultag an sicher fühle, aber gleichzeitig noch genug Raum bleibt, um mich im Alltag auszuprobieren.
Ulrike: Und du zeigtest von Beginn an ein riesiges Interesse an Rhetorik, Stimme und Wirkung. Das ist ja die beste Voraussetzung, um wie mit „ausgestreckten Fühlern“ den eigenen Weg zu finden. Wie zeigst du deinen Schülerinnen und Schülern im Unterricht, wie das geht – dieses „sich interessieren“?
India: Absolut! Interesse ist der Motor für echtes Lernen. Wenn ich selbst neugierig auf ein Thema schaue, überträgt sich das. Bei meinen Schüler*innen mache ich das so, dass ich Raum gebe: Ich nehme mich bewusst zurück, stelle eine klare Frage und gebe ihnen die Zeit, selbst nachzudenken, Hypothesen aufzustellen und eigene Impulse zu entwickeln. Interesse entsteht ja nicht, wenn ich vorne stehe und alles vorgebe, sondern wenn die Kinder spüren: „Hey, meine Idee zählt hier gerade!“
Ulrike: Du hast in unserer Zeit unheimlich viel gelernt und auch gleich angewendet. Gibt es konkrete Übungen oder Vorgehensweisen, die dir heute noch weiterhelfen? Oder hast du sogar welche für deinen Alltag weiterentwickelt?
India: Oh ja, ein paar Klassiker sind meine festen Begleiter geworden! Zum Beispiel.
das Ausatmen – die ökonomische Atmung
Oder das Lippenflattern
und die Lasso-Übung.
Mein liebster Übungsraum ist tatsächlich mein Weg zur Schule auf dem Fahrrad! Da mache Aufwärmübungen für die Stimme, später lese ich eine Seite mit bewussten Betonungen. Was mir im Unterricht enorm hilft, ist der „Interpretations-Service“ durch Betonung: Wenn ich Schlüsselsätze gezielt betone, entlaste ich meine Stimme und helfe den Kindern beim Verstehen. Und natürlich die „Pfeiler“: Ich nutze feste Formulierungen als sprachliche Anker. Damit signalisiere ich den Kindern – aber auch den Eltern oder Kolleg*innen –, welche Phase gerade dran ist: Einstieg, Aufmerksamkeits-Spotlight oder Abschluss. Das gibt allen Orientierung.
Ulrike: Du stehst ja täglichen vor ganz unterschiedlichen Sprechsituationen: Kinder auf verschiedenen Verstehens-Levels, Elternabende, schwere Fördergespräche, Lehrerkonferenzen. Wie stellst du dich auf diese verschiedenen Gegenüber ein?
India: Mein Zaubermittel für alle Situationen – egal ob Konferenz oder Klassenzimmer – heißt: Strukturieren vorab und Pausen machen. Wenn ich die Struktur im Kopf habe, bin ich im Gespräch flexibel. Und die Pausen geben nicht nur mir Raum zum Durchatmen, sondern auch meinem Gegenüber Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten. Gerade in Elterngesprächen schafft eine gezielte Pause nach einer wichtigen Information enorm viel Vertrauen.
Ulrike: Apropos Klassenzimmer: Wenn es mal richtig trubelig ist oder dringend etwas erledigt werden muss, braucht es klare Anweisungen – „direktiv“ im besten, richtungsweisenden Sinn. Das war damals auch ein Thema bei uns. Wie kriegst du das heute hin?
India: Ehrlich gesagt, meistens dadurch, dass ich weniger spreche! (lacht) Wenn es laut wird, werde ich nicht lauter, sondern ich nehme mich zurück, nutze Reduzierung und spreche auf den Punkt. Außerdem arbeite ich stark mit visueller Unterstützung und Gebärden oder Gesten. Wir haben im Unterricht einen dreistufigen Aufbau aus Orientierung, Lernphase und Reflexion. Wenn ich dazu feste Satzmuster und Gebärden nutze, wissen die Kinder sofort, was zu tun ist. Das schont meine Stimme enorm und unterstützt die Kinder dabei, echte Eigenkompetenz zu entwickeln, statt nur auf meine verbalen Anweisungen zu reagieren.
Ulrike: Das klingt nach einem wunderbaren Zusammenspiel aus Unterrichtsstil, Pädagogik und Stimmentlastung! Wenn du anderen Berufseinsteiger*innen oder Lehrkräften einen Tipp geben könntest: Was wäre das?
India: Starte präventiv und setze dir im Trainingsprozess immer nur EINE Sache für den Tag oder die Woche als Fokus. Versuche nicht, alles auf einmal zu verändern. Schnapp dir eine kleine Übung – wie das bewusste Ausatmen, das Lautlesen einer Buchseite am Morgen oder das Setzen von sprachlichen Pfeilern – und lass das Routine werden. Sich Zeit zu nehmen und auch den Zuhörenden Zeit zu geben, ist keine Schwäche, sondern die Basis für ein gutes Miteinander.
Ulrike: Zum Abschluss eine ganz persönliche Frage: Wann sprichst du eigentlich am liebsten?
India: Am liebsten spreche ich in ganz entspannten, vertrauten Situationen – wenn ich nicht leiten oder strukturieren muss, sondern einfach „frei Schnauze“ reden, mich austauschen und gemeinsam lachen kann. Einfach so sprechen!
Ulrike: Liebe India, danke für diesen tollen, praxisnahen Einblick und deine inspirierenden Erfahrungen!
India: Ich danke dir, liebe Ulrike – auch für das Fundament, das wir damals gemeinsam gelegt haben!
Ergänzend dazu der Blogartikel Die Bäcker-Taktik: Wie man leichten Gesprächsanfang und Beziehungsaufbau lernen kann
Dein Weg zum soliden Handwerk der Gesprächseröffnung: Einzeltraining




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